Unstetigkeit von Unterricht – Desiderat  in Didaktik und  Unterrichtsforschung

In der Lehreraubildung steht die Didaktische Konstruktion von Unterricht mittels sog. Didaktischer Modelle, Unterrichtskonzepten, Methodensammlungen und fachdidaktischen Ansätzen im Vordergrund. Nahe gelegt wird mit dieser Fokussierung, dass Unterrichtsqualität und -erfolg vor allem vom ‚richtigen’ Konzept und einer guten Vorbereitung abhängt.

Videostudien relativieren dagegen die Bedeutung der Vorplanung. Sie zeigen, dass Unterricht immer zwischen vorarrangiertem Entwurf und situativer Unwäg­bar­keit changiert. Unstetige Situationen nötigen im Moment eines Augen­aufschlags zu Reaktionen jenseits des Vorgeplanten. Der Begriff „Unstetigkeit“ geht zurück auf Otto Friedrich Bollnow (1958), der darauf hingewiesen hat, dass Erziehungsprozesse auch durch „unstetige“ bzw. „gebrochene Formen“ charakterisiert seien, die zu den (von einer pädagogischen Grundhaltung) „gestimmten“ und zu den (vom Unterrichtsplan) „geleiteten Formen“ hinzutreten. Erziehung verlaufe niemals kontinuierlich, sondern werde durch Unvorhergesehenes unterbrochen, das nicht ignoriert werden könne, vielmehr in seiner Tragweite beachtet werden müsse (Bollnow 1958).

Insbesondere die Unterrichtsversuche angehender Lehrer/innen zeichnen sich in der Regel dadurch aus, dass die bei der Vorab-Planung zugrunde gelegten (fach-)didaktische Konzepte und Unterrichtsprinzipien eine geringe Prägekraft für den Unterrichtsverlauf haben, weil unstetige Entwicklungen zu Abweichungen nötigen. Mit Hilfe von Unterrichtsvideos können die Auslöser für solche unstetige Entwicklungen genauer untersucht werden. Berufsanfänger lösen oft selbst unstetige Entwicklungen ungewollt aus:

ð  aufgrund von Schwächen im Entwurf (z.B. unrealistische Zeiteinteilung, unübersichtliche Folien, Mängel im Arbeitsblatt);

ð  aufgrund einer unbedarften Inszenierung (z.B. vermeidbare Schnitzer bei Sprache, Tafelanschrift, Tempo, …).

Solche „Novizen-Probleme“ verstärken sich gelegentlich wechselseitig.

Aber auch „Alte Hasen“ sind mit unstetigen Entwicklungen aufgrund konzeptioneller Mängel und anderer Friktionen konfrontiert, die sie nicht so ohne weiteres vermeiden können:

ð  sie erleben während des Unterrichts, dass ein angeblich geeignetes Konzept Schwächen und Ungereimtheiten offenbart;

ð  sie werden mit Überraschungen konfrontiert, die weder dem Konzept bzw. Entwurf noch der Inszenierung anzulasten sind; solche unerwarteten Entwicklungen resultieren aus unvermeidbaren Zielirritationen, Missverständnisse in der Kommunikation, einer nicht voraussehbaren ‚Sperrigkeit’ der Schüler oder des Unterrichtsgegenstands und last but not least aus einer ungewollten ‚Sperrigkeit’ des Unterrichtenden gegen seine Selbstinstrumentalisierung.

Alle vier ‚Quellen’ von Unstetigkeit können Auslöser für unerwartete Entwicklungen sein und zu mehr oder weniger umfangreichen Abweichungen vom ursprünglich antizipierten Verlauf führen. Das erfolgt gelegentlich mit einer so temporeichen Interaktionsdynamik, dass das Unterrichtsgeschehen kaum noch überschaubar ist. Erst die videobasierte, multimediale Unterrichtsdokumentation bietet die Chance, diese Unübersichtlichkeit zu entwirren und die Ursachen für unstetige Entwicklungen zu rekonstruieren.

Die Qualität von Unterricht gründet darauf, einen vorab gut durchdachten Unterrichtsentwurf mit Geschick ‚in Szene’ zu setzen und dabei auf unerwartete Entwicklungen pädagogisch angemessen zu reagieren.