Forschungsvorhaben und Kooperationsprojekte

 "Lehrerreaktionen in unstetigen Unterrichtssituationen"

Videografierte Unterrichtsvorhaben (Hannoveraner Unterrichtsbilder und andere Videodokumente) dienen als empirische Basis, um Lehrerreaktionen in unstetigen Unterrichtssituationen zu untersuchen. Die dort identifizierten Reaktionstendenzen werden verglichen mit den in Studien zur empirischen Unterrichtsforschung als "typisch" ermittelten bzw. postulierten Reaktionsmustern (Lehrerhandeln jenseits vom Unterrichtskonzept – Forschungsbefunde und Theorieansätze im Überblick). Die Forschungsergebnisse fließen ein in Lehr-Lern-Arrangements wie z.B. die WBA-Übungen.

 

"Analyse von WBA-Antworten im peer-review"

Ein Projekt der Lehr-Lernforschung in Zusammenarbeit mit der Arbeitsstelle Medienpädagogik der Universität Münster

Üblicher Weise werden Studienleistungen angehender Lehrer/innen nur von den Dozent/inn/en beurteilt, die die Aufgaben jeweils gestellt haben. Neuartige online-basierte Aufgabenformate machen es möglich, dass Seminarteilnehmer ihre Ausarbeitungen wechselseitig in Form eines 'peer-reviews' beurteilen – ähnlich dem Verfahren, das beim wissenschaftlichen Publizieren einer Veröffentlichung vorgeschaltet ist. Besonders geeignet erscheint dafür die WebBasierte Analyse von Unterricht, bei der jeweils eine videografierte Unterrichtsszene (i.d.R. einschließlich Wortprotokoll) in Hinblick auf genau einen didaktischen Aspekt zu untersuchen ist (z.B. Arbeitsaufträge; Gesprächsführung; Lehrziele). Der Blick auf reales Unterrichtsgeschehen und das Nachlesen des Wortprotokolls tragen dazu bei, die Kluft zwischen häufig eher abstrakt bleibenden didaktischen Kategorien und dem konkreten Unterricht zu überbrücken. Die Videoszenen führen angehenden Lehrer/innen vor Augen und 'vor Ohren', mit welchen Beobachtungs- und Interpretationsproblemen man in realen Unterrichtssituationen konfrontiert ist, in denen sich Etliches gleichzeitig ereignet und vieles unübersichtlich erscheint. Unterrichtswahrnehmung ist immer selektiv, lückenhaft und fehleranfällig. Das fällt aber nicht auf, wenn man kein Korrektiv für die eigene Wahrnehmung hat (wie z.B. in Schulpraktika). Auch die in der Lehrerausbildung bislang üblichen Fallanalysen auf der Basis schriftlicher Situationsschilderungen verhindern, dass angehende Lehrer/innen solche Erfahrungen machen können. In WBA-Übungen kann man eigene Beobachtungslücken und -fehler bemerken: Das Stoppen und Wiederholen des Videos ermöglicht ein Überprüfen. Das Nachlesen im Wortprotokoll hilft falsch erinnerte Äußerungen zu korrigieren und ergänzt, was bei flüchtigem Hören entgangen ist.

Wie Auswertungen der seit vielen Jahren an der Universität Hannover und an anderen Ausbildungsstandorten genutzten WBA-Übungen zeigen, weisen die von angehenden Lehrer/innen gegebenen WBA-Antworten erhebliche Differenzen in der Wahrnehmung und Interpretation ein- und derselben Unterrichtsszene auf.

Das Verfahren des peer-reviews  von WBA-Antworten könnte eine besonders wirksame Möglichkeit sein, angehende Lehrer/innen mit solchen Differenzen zu konfrontieren. Die Aufgabe der reviewer ist es, die WBA-Antworten anderer Seminarteilnehmer darauf hin zu beurteilen, inwieweit darin ungenaue Wahrnehmungen, unzureichend begründete Interpretationen oder oberflächliche Bewertungen zum Ausdruck kommen. Dabei nutzen sie bereits ihr Fachwissen sowie ihre analytischen und argumentativen Fähigkeiten. Beim 'peer-review' von WBA-Antworten können bspw. nicht nur methodische Schwächen beim Beobachten und Protokollieren in Seminargruppen ‚auf einer Ebene‘ abgeglichen werden; v.a. können sich Seminarteilnehmer untereinander ungezwungen ihre eigenen analytischen Maßstäbe bewusst machen und diese hinterfragen lernen. Die damit verbundene wechselseitige Entwicklung, Anwendung und diskursive Überprüfung von intersubjektiven Beurteilungskriterien kann eine überaus wertvolle Lernerfahrung darstellen.

In dem Forschungsprojekt "Analyse von WBA-Antworten im peer-review" werden verschiedene Möglichkeiten der seminarorganisatorischen Inszenierung von peer-reviews erprobt und die damit erzielten Ergebnisse ausgewertet.

 

"Entwicklung und Erprobung neuer WBA-Übungen zu weiteren Themenschwer­punkten"

Das bestehende Set von ca. 60 WBA-Übungen zu 8 didaktischen Schwerpunktthemen wird sukzessive erweitert. In Entwicklung befinden sich WBA-Übungen zu den thematischen Schwerpunkten 'Differenzierung/Individualisierung’ – 'Aktivierendes Lernen/Rezeptives Lernen' – 'Inklusiver Unterricht' – 'Wie bewältigen Lehrer/innen unstetige Unterrichtssituationen?'. In diesem Zusammenhang wird auch eine online-Plattform aufgebaut, mit der registrierte Nutzer sich austauschen können über das Konzept allgemein und über einzelne WBA-Übungen.

 

"Reaktionen von Lehrenden auf unvorhergesehene Entwicklung in Seminaren der Erwachsenenbildung"

Viele Beiträge, die sich mit der Gestaltung von Seminaren in der Erwachsenenbildung beschäftigen, richten ihr Hauptaugenmerk darauf, nach welchen Konzepten und mit welchen Methoden in EB-Seminaren gearbeitet werden sollte. In ähnlicher Weise, wie Schulpädagogik und Fachdidaktiken die Bedeutung einer gründlichen didaktischen Vorab-Strukturierung für erfolgreiche schulische Lehr-Lernprozessen hervorheben, steht auch in der Erwachsenenbildung die Frage nach dem richtigen didaktischen Ansatz im Vordergrund.

Aber selbst für berufserfahrene Dozent/inn/en ist trotz durchdachter Vorplanung und sorgfältigster Vorbereitung oft unvorhersehbar, wie sich Lehr-Lernsituationen in einem Seminar mit erwachsenen Lernern entwickeln. Während der Seminararbeit stellen unerwartete Entwicklungen die Lehrkräfte vor unvorhergesehene Anforderungen und veranlassen sie zu vorab nicht eingeplanten Reaktionen. In solchen Situationen können Dozent/inn/en ihre Entscheidungen über das weitere Vorgehen nicht mehr aus dem vorab entworfenen Handlungsskript ableiten, weil darin die unerwartete Situation gar nicht mitgedacht war. Das Skript enthält keine Empfehlungen zur Situationsbewältigung – ja nicht einmal Orientierungshilfen dafür – und hat eine nur noch geringe Prägekraft für den weiteren Verlauf. Mitunter entwickeln solche Situationen eine beträchtliche Eigendynamik und stellen eine Lehrkraft vor erhebliche Anforderungen.

Daher sollte auch in der Erwachsenenbildung die Bedeutung von Konzepten nicht überschätzt werden, denn Lernerfolge stellen sich mit ihnen nicht automatisch ein. Auch für Erwachsenenbildner ist es – ähnlich wie für Lehrer/innen beim Unterrichten – eine andau­ernde Heraus­forderung, die eigene Planung situations­angemessen umzuset­zen und dabei fortwährend auf Unvorhergesehenes möglichst mit Fingerspitzengefühl einzugehen.

Im Forschungsprojekt sollen solche unerwarteten Seminarsituationen in einem ersten Schritt identifiziert und die von den Dozent/inn/en gezeigten Reaktionen auf diese Situationen analysiert werden. In einem zweiten Schritt werden daraus Vorschläge entwickelt, wie Dozent/inn/en auf unvorhergesehene Entwicklungen im Verlauf eines Seminars besser vorbereitet werden können. Dabei wird es sowohl darum gehen, unvorteilhaften Reaktionstendenzen (wie z.B. impulsive Reaktionen, schematische Routinen, stereotyp-bedingte Reaktionen) entgegenzuwirken, als auch darum, pädagogische vertretbare Strategien (wie z.B. Improvisationsfähigkeit, Schlagfertigkeit, Auf- und Ausbau eines Repertoires an Bewältigungsstrategien) zu fördern. In einem dritten Schritt werden diese Vorschläge exemplarisch in Fortbildungskursen mit Erwachsenenbildnern erprobt.

Aus einer empirischen Vorarbeit, einer Interviewstudie mit 10 Dozent/inn/en aus unterschiedlichen Bereichen der Erwachsenenbildung, geht hervor, dass Friktionen in EB-Seminaren stark abhängig sind von der thematischen Ausrichtungen der Seminare, der Funktion und der organisatorischen Einbettung einer Fort- bzw. Weiterbildungsmaßnahme sowie nicht zuletzt auch von der Adressatengruppe. Daher wird das Forschungsprojekt besonderes Augenmerk darauf legen, welche domänenspezifische Variationen die unvorhergesehenen Situationen aufweisen.

Aus derselben Interviewstudie geht hervor, dass Interviews allein unzureichend sind, um Friktionen umfassend und vollständig zu rekonstruieren: Im nachträglichen Gespräch kann vieles nicht mehr erinnert werden, was möglicherweise im Situationskontext bedeutsam war. Daher wird die Videoaufzeichnung von Seminarsitzungen in Verbindung mit nachträglichen Interviews mit Dozent/in und Teilnehmern der vorrangige methodische Zugang sein.