Projektinformationen

 

Bestandsaufnahme

Ein Hauptkritikpunkt an der Lehrerausbildung ist der Vorwurf, theoretische und praktische Studienanteile nur unzureichend aufeinander zu beziehen. In Schulpraktika lässt der fortwährende Handlungsdruck keine ausreichende Zeit zur Reflexion; zudem ist die Befangenheit oftmals so groß, dass es schwer fällt, eine für Reflexion notwendige Distanz zu entwickeln. Schließlich fehlt die empirische Grundlage für eine tragfähige Unterrichtsanalyse, weil man sich unmittelbar nach dem Unterricht zwar grob an den Gang der Dinge erinnern, aber kaum Details richtig rekonstruieren kann und gerade darauf kommt es häufig an. In unterrichtsfernen Lehrveranstaltungen ist andererseits die Unterrichtskomplexität kaum nachstellbar, so dass die Diskussion meist ohne konkreten Situationsbezug oder mit erfundenen Beispielen auskommen muss.

Neue Möglichkeiten durch Neue Technologie

Dem gegenüber ermöglicht eine angeleitete Unterrichtsanalyse auf der Basis multimedial aufbereiteter Unterrichtsszenen pädagogische Praxis in Lehrveranstaltungen anschaulich "hineinversetzbar" vorzustellen, in ihrer Komplexität nachzuvollziehen und zugleich theoriegeleitet anspruchsvoll zu analysieren. So wird es z.B. möglich, eine im Unterricht praktizierte Bewältigungsstrategie mit genügend reflexiver Distanz zu überdenken und Alternativen zu entwerfen:
  • "Ist die vom Unterrichtenden praktizierte Strategie akzeptabel?" 
  • "Wie hätte ich mich in dieser Situation gefühlt, wie hätte ich reagiert?"
  • "Hätte sich die Situation durch eine andere Vorbereitung vermeiden lassen.

Bereits angehende Lehrer können die Einschränkungen und Grenzen einer medial vermittelten Wirklichkeitsrekonstruktion unmittelbar erfahren, die in der Literatur zur interpretativen Unterrichtsforschung zwar durchgängig behauptet, aber wegen der spezifischen Nachteile der beiden Medien Schriftsprache bzw. Film nicht besonders eindrucksvoll belegt und daher kaum von einem Leser nachvollzogen werden können: Sofern Unterricht allein in Textform beschrieben wird, bleibt die Rekonstruktion des Geschehens unterkomplex. Sofern Unterricht nur im Film dargestellt wird, ist die Wahrnehmung der sprachlichen Interaktion lückenhaft und flüchtig.

Auch einem im Unterricht anwesenden Beobachter kann die Täuschungsanfälligkeit der eigenen Wahrnehmung nicht auffallen, weil er über kein Korrektiv zur eigenen Wahrnehmung verfügt. Zwar steht auch mit diesem Medium Unterrichtswirklichkeit nicht einfach abrufbar zur Verfügung, sondern als eine Art medial konservierte Wirklichkeit. Ihr Vorzug ist es, dass sich ein oder mehrere Betrachter dieses Extrakt beliebig oft vor Augen führen können, so dass ein Diskurs über das im Medium Festgehaltene möglich wird.



Veränderte Rahmenbedingungen der universitären Ausbildung erfordern strukturelle Anpassungen:


In den niedersächsischen Universitäten mussten in den Lehramtsstudiengängen seit 2000 eine erheblich höhere Zahl von Studienanfängern aufgenommen werden als im langjährigen Mittel. In Hannover betrug die Steigerungsrate im Studiengang Grund-, Haupt- und Realschule 50 % (von 200 auf 300 Studierende). Gleichzeitig wurden die Gesamtmittel für den Fachbereich erheblich gekürzt und Personalkapazitäten eingespart, so dass bestimmte Veranstaltungen - etwa Tutorien-gestützte Einführungsschulpraktika in den beiden ersten Semestern - nicht mehr in der bisherigen Form praktiziert werden können. Das neue Konzept wird trotz erheblicher Einsparungen zu einer verbesserten erziehungswissenschaftlichen Fundierung der schulpraktischen Arbeit führen:
Der Fachbereich Erziehungswissenschaften der Universität Hannover führt ab Sommersemester 2002 die Einführung in die Unterrichtsplanung und -analyse im Rahmen einer regelmäßigen Pflichtvorlesung für ca. 400 Zweitsemester durch, von der aus die Studierenden in 3er-Gruppen angeleitet werden, Unterricht bezogen auf jeweils eingegrenzte schulpädagogische Fragestellungen

a) in ihren zukünftigen Praktikumsklassen, und

b) anhand Web-gestützter Übungen in den Computerübungsräumen zu protokollieren und zu analysieren.


Diese Multimediavorlesung ist als Pflichtveranstaltung im 2. Semester für die Studiengänge Grund- Haupt- und Realschule sowie Sonderpädagogik fester Bestandteil des fachlichen Curriculums.
Damit die laut Studienordnung geforderte Veranstaltung auch unter den beschriebenen Verhältnissen/Umständen angeboten werden kann, hat das Institut für Erziehungswissenschaft das hier beschriebene Veranstaltungskonzept entworfen, das in diesem Sommersemester erstmals erprobt wird. Die Eckpfeiler dieses Konzepts wurden gemeinsam mit der Studiendekanin des Fachbereichs Fr. Dr. Erika Schuck und dem kommisarischen Leiter des Zentrums für Praktika Prof. Dr. Roland Narr ausgearbeitet.

Dieses Konzept nutzt das Potenzial, das die Neuen Technologien ganz speziell bieten, um genuine Anforderungen an eine moderne Lehrerausbildung zu erfüllen: Berufsanfängern dabei zu helfen, einerseits Unterricht theoriebezogen zu analysieren, andererseits eine reflexive Distanz zum eigenen Handeln zu entwickeln. Darüber hinaus werden Lehramtsstudierende durch die WBA-Übungen darauf vorbereitet, dass Klausuren und andere Leistungsnachweise zukünftig mehr und mehr online zu erbringen sind. Lehrende erhalten flexiblere Werkzeuge, um elektronisch erfasste Studienleistungen differenziert zu analysieren.

 

Übertragbarkeit

Sowohl das Konzept der Multimediavorlesung als auch die einzelnen Multimedia-Module können von allen lehrerausbildenden Hochschulen genutzt werden, da dort ähnliche Anforderungen zur Vorbereitung auf das allgemeine Schulpraktikum nach dem 3. Semester bestehen und vielerorts ähnliche Rahmenbedingungen herrschen.

Bisher wurden die Präsentationsmodule über 6 Semester in kleineren Seminaren (mit bis zu 20 Teilnehmern) von etwa 35 Kolleginnen und Kollegen in verschiedenen Institutionen der Lehrerbildung erprobt - mit sehr positiver Rückmeldung der Seminarteilnehmer und vor allem mit qualitativ hochwertigen Analyseergebnissen im Vergleich zu entsprechenden Seminararbeiten und Schulpraktikumsberichten.

Im kommenden Sommersemester werden sie erstmals in der oben beschriebenen Multimediavorlesung mit begleitenden WBA-Übungen zur Vorbereitung auf das Allgemeine Schulpraktikum eingesetzt.

Grundlage des didaktischen Konzepts hinter den Hannoveraner Unterrichtsbildern sind multimedial aufbereitete Unterrichtsdarstellungen in Form komplexer Präsentationsmodule und in Form von Übungsmodulen zur Web-basierten Analyse von Unterricht (WBA-Module). Zentraler Bestandteil jedes Präsentationsmoduls ist die Darstellung des Unterrichts in all seinen Entwicklungs- und Realisierungsstadien: Vom zugrundeliegenden didaktischen Konzept über das Planungsstadium (Entwurf bzw. Planungsskizze), die Umsetzung des Geplanten (Unterrichtsverlauf) bis hin zu den Unterrichtsresultaten. Die WBA-Module zeigen jeweils nur Einzelausschnitte, die unter einer didaktischen Fragestellung zu analysieren sind.

In beiden Modultypen wird der Unterrichtsverlauf grundsätzlich sowohl in Form von Videosequenzen (Streaming Media Dateien) als auch parallel mit den dazu gehörigen, verschriftlichten Wortprotokollen dargestellt. Für Detailanalysen von Unterrichtsprozessen ist diese doppelte Präsentation des Unterrichtsgeschehens mithilfe eines einzigen Mediums ein kaum zu überschätzender Vorzug gegenüber herkömmlichen Darstellungsmöglichkeiten (nur Video bzw. nur Textprotokolle). Damit werden in der Lehrerausbildung Formen der Unterrichtsanalyse möglich, die bislang der erziehungswissenschaftlichen Forschung vorbehalten sind.

 

Technischer Überblick:

Der Zugriff auf die Präsentations- und Übungsmodule verfügen über eine benutzerfreundliche Oberfläche. Nur rudimentäre PC-Kenntnisse zur Bedienung sind erforderlich, so dass die inhaltliche Arbeit in den Vordergrund rücken kann.  Die Präsentationsmodule liegen zum einen vollständig auf einem Videoserver, welcher die Videosequenzen in Form von Streaming Media vorhält. Sie können von 60 Client-PCs in Computerübungsräumen aufgerufen werden. Darüber hinaus stehen die Präsentationsmodule auch als eigenständige CD-ROM-Publikationen zur Verfügung, so dass sie auch auf Einzelplatzsystemen ohne Netzanschluss genutzt werden können. In den in HTML programmierten WBA-Übungsmodulen können sämtliche gebräuchlichen Dateiformate eingebunden, mittels Scripting indiziert und somit zueinander in Beziehung gesetzt werden (z.B. werden die Protokollseiten passend zum laufenden Video automatisch "umgeblättert").

Über einen Webserver werden Funktionen zur Verwaltung und späteren Analyse der über Formulare erfolgten Benutzereingaben bereitgestellt.

Die netzbasierten Unterrichtsbilder stellen aufgrund der programmiertechnisch komplexen Hintergrundabläufe - insbesondere bei der Scriptsteuerung der Video-Streams - hohe Anforderungen an den jeweiligen Computer des Benutzers. Grundvoraussetzung sind eine schnelle Internetanbindung (T-DSL - 768kbit/sec), ein neueres PC-System (mind. 500Mh Takt)  sowie ein neuerer Internetbrowser der Fa Microsoft (Internet Explorer ab Version 5.0)

Die CD-ROM-basierten Unterrichtsbilder setzen ein System der  Pentiumklasse mit Sound voraus.

 

Arbeitsfortschritt, aktuelle Einsatzbereiche und zukünftige Planung:

Entwicklung, Erprobung und Überarbeitung von 35 Präsentationsmodulen, die inzwischen an der Universität Hannover in zwei Fachbereichen von acht Kolleginnen und Kollegen und darüber hinaus an fünf Hochschulen/Universitäten (Regensburg, Koblenz, Rostock, Osnabrück und FH Bielefeld) sowie an 25 Studien- und Ausbildungsseminaren der 2. Phase eingesetzt werden.

Einsatz ausgewählter Module für Online-Zwischenprüfungen in den beiden letzten Studienjahren.

Entwicklung von 5 WBA-Modulen, die im Sommersemester 2002 erstmals "großflächig" eingesetzt und evaluiert werden.

Installation eines Videoservers, von dem aus zeitlich parallel die digitalisierten Unterrichtsvideos via Streaming im Netz von 60 Computer in den drei Übungsräumen abgerufen werden können.

Ausstattung des größten Hörsaals des FBs (450 Sitzplätze), so dass er geeignet ist  für eine Multimediavorlesung (hochwertiger Beamer und Erneuerung der Audioanlage - beides im März 2002 in Betrieb genommen)

Noch dieses Jahr soll das Konzept in enger Kooperation mit einer nds. Partneruniversität auf einen anderen Hochschulstandort übertragen werden.

Einzelne WBA-Übungen sollen auch außerhalb des LANs über schnelle DSL-Modems abrufbar gemacht werden, so dass Studierende bei ihren Übungen nicht auf die Computerübungsräume angewiesen sind. Dabei sind neben den technischen Hindernissen (genügend Übertragungskapazität für Streaming Media) auch didaktische und rechtliche Aspekte zu prüfen.

Entwicklung von Auswertungsroutinen zur automatisierten Analyse und Bewertung der Benutzereingaben zu den Übungsaufgaben.

Ausgebaut werden sollen ebenfalls die WBA-Übungen, um sie seminarbegeleitend auch in anderen Veranstaltungen (z.B. fachdidaktischen oder auch betrieblichen) und als erweitertes Angebot für Online-Klausuren einsetzen zu können.

 

Referenzen:

  • " U. Mühlhausen: Unterrichten mit Gespür: Unterrichtsreflexion mithilfe multimedialer Studienmaterialien." In: Pädagogik Heft 7+8/2001 S. 91-92.

  • "U. Mühlhausen: Multimedial gestützte Unterrichtsreflexion - Ein neuer Weg in der Lehrerausbildung". Erscheint in: W. Wegner (Hrsg.): Computer und Computernetze als Lehr- und Lernmedien. Kopäd-Verlag; vorauss. 2002

  • U. Mühlhausen und R. Knitter: E-LEARNING - Technologie-Informationen niedersächsischer Hochschulen

 

Förderungen:

  • 1998: Weiterbildungsfond der Universität Hannover 15.000.-DM

 

Evaluation:

Bisher wurden die Präsentationsmodule durch Expertenbegutachtung formativ evaluiert von acht Kolleg(inn)en aus vier Hochschulen und 25 Seminarleitern aus der II. Phase der Lehrerausbildung. Die Evaluationsergebnisse wurden unmittelbar aufgegriffen zur Überarbeitung der Module.

Im Rahmen eines Promotionsvorhabens (Rolf Knitter) erfolgt innerhalb der beiden folgenden Jahre eine Datenbank-basierte Analyse der in den fünf WBA-Übungen entstandenen Ergebnisse der Unterrichtsanalyse von den jeweils ca. 400 Studierenden

 

Beteiligte Personen:

Prof. Dr. Ulf Mühlhausen (Projektleitung), Jan Mühlhausen, Dipl. Päd., Rolf Knitter, Dr. habil. Wolfgang Wegner,

 

Projektpartner:

Kooperation mit dem FB Sprach- und Literaturwissenschaften sowie mit  vier deutschen Universitäten, einer Fachhochschule und 25 Ausbildungs- und Studienseminaren der II. Phase der Lehrerbildung, in denen die Präsentationsmodule erprobt und evaluiert werden.