Lehrerhandeln jenseits vom Unterrichtskonzept – Forschungsbefunde und Theorieansätze *)

Was bestimmt das Tun von Lehrern, wenn sie unerwartet mit Anforderungen konfrontiert werden, weil die Entwicklung des Unterrichtsgeschehens ihrer in der Regel didaktisch fundierte Vorstellung vom Stundenablauf oder ihrer allgemeinen Vorstellung darüber, wie im Unterricht miteinander umgegangen werden sollte, zuwiderläuft und sie darauf nicht eingestellt sind (z.B. weil ihr Unterrichtsentwurf dafür keinen Plan B vorgesehen hat)? Worauf gründen dann ihre Reaktionen, welche Antriebsmomente werden wirksam?

Empirische Untersuchungen, die eine Antwort auf diese Fragen suchen, gibt es nur wenige. Sie entstammen überwiegend einer pädagogisch-psychologisch ausgerichteten Unterrichtsforschung,  vereinzelt aus der allgemeinen Erziehungswissenschaft und benachbarten Disziplinen. Sie unterscheiden sich erheblich in der Art des empirischen Vorgehens (schriftliche Lehrerbefragungen, Tonbandauswertungen, Videoanalysen, Interviews mit Lehrern, Protokollanalysen). Gemeinsam ist diesen Studien nur eine ausgesprochen kleine Anzahl an Fällen (d.h. an untersuchten Lehrkräften bzw. betrachteten Unterrichtsstunden).

Erstaunlich ist, wie stark die Befunde und die daraus abgeleiteten Hypothesen, wie Lehrer mit Situationen jenseits des von ihnen Antizipierten umgehen, divergieren. Vertreten werden u.a. die folgende Positionen, die großteils miteinander unvereinbar sind:

  • In nicht antizipierten Unterrichtssituationen verhindert eine mehr oder minder starke emotionale Involviertheit des Lehrers rationales Handeln, so dass er Routinen, d.h. verinnerlichte Schemata abspult, um der Situation zu begegnen.
  • Lehrer sind in der Lage, die Besonderheit einer jeweiligen Situation intuitiv zu erspüren und können daher schematisch-stereotype Reaktionen vermeiden.
  • Lehrer handeln normeninkonsistent: Sie verstoßen während des Unterrichts gegen ihre erklärten pädagogischen Ziele und Überzeugungen, ohne es zu bemerken.
  • Erfahrene Lehrer können Expertenwissen aktualisieren, das ihnen hilft, sich in erwartungswidrigen Unterrichtssituationen auf die bedeutsamen Aspekte des komplexen Geschehens zu konzentrieren und dann schnell und angemessen zu reagieren.
  • Lehrer „vergessen“ in schwierigen Unterrichtssituationen ihr professionelles Wissen und Können. Ihr Tun ist geprägt durch vorprofessionelle, biographisch erworbene Muster oder ist geprägt von naiven, subjektiven Theoriesurrogaten.
  • Lehrer verfügen über ein Repertoire an Bewältigungsstrategien, aus dem sie blitzschnell ein geeignetes Vorgehen auswählen und situationsadäquat modifiziert einsetzen.
  • Überraschungen lösen in Lehrern unbewusste, nichtrationale Verarbeitungsweisen aus, so dass sie ihre Reaktionen nicht mehr unter Kontrolle haben.
  • Erfahrene Lehrer können in unerwarteten Situationen das Tempo des Geschehens entschleunigen, um Zeit zum Bedenken des weiteren Vorgehens zu gewinnen.

In diesem Spektrum divergierender Positionen dominieren zwei konträre Grundeinschätzungen. Einige Autoren betonen die defizitäre Seite des Lehrerhandelns und resümieren, dass Lehrer auf unerwartete Unterrichtssituationen überwiegend unüberlegt oder inkonsequent oder impulsiv ‚aus dem Bauch heraus’ ohne Selbstkontrolle oder routinehaft-schematisch reagieren. Im Gegensatz dazu betonen andere Autoren, dass Lehrer gerade in solchen Situationen besonders umsichtig vorgehen und eher pädagogisch angemessen handeln. Je nach favorisierter Position wird dabei die Reflexionsfähigkeit oder eine auf Erfahrungen gegründete Versiertheit oder eine spürsame Intuition als herausragendes Merkmal des Lehrerhandels hervorgehoben.

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*) Eine ausführliche Synopse mit Literaturhinweisen enthält: Mühlhausen, Ulf  (2008) „Abenteuer Unterricht – Wie Lehrer/innen mit überraschenden Unterrichtssituationen umgehen.“ Begleit-DVD mit Videobeispielen und Unterrichtsdokumenten. Schneider Verlag Hohengehren Baltmannsweiler  (Auszüge aus Kapitel 5 und 6)